Philosophie und Mystik

Mehr als von allem anderen hängt die Zukunft der Zivilisation davon ab,
welche Beziehung die beiden mächtigsten Kräfte der Geschichte,
Wissenschaft und Religion, miteinander eingehen.
Alfred North Whitehead, Philosoph

Sobald sich ein Mensch im Verlauf seines Lebens gedanklich über seine primären und persönlichen Belange hinaus erhebt, wird sich sein Denken zwangsläufig Fragen zuwenden, die sich in irgendeiner Weise, und sei es auch nur weitläufig, mit dem Thema der Mystik auseinandersetzen. Denn tief in uns verborgen ruht eine Kraft, durch deren Bejahung und Entfaltung wir die Fülle alles Guten in unserem Leben zur Offenbarung bringen.

Im Menschen wirken erstaunliche und wunderbare Kräfte, die die üblichen Mainstream-Vorstellungen bei weiten übertreffen; sie rühren letztlich an den Urgrund allen Seins. Insofern ist es ganz natürlich, dass jeder Mensch den Zugang zu diesen Kräften nur in und durch sich selbst findet. Diesen Weg muss er alleine gehen. Sein inneres Selbst, seine Seele, ist die Nahtstelle und das Bindeglied zum Kosmos; zu unserer Schöpferkraft.

Dieses sich-öffnen und Voranschreiten im bewussten Kontakt mit unserem inneren Selbst und letztlich die Umsetzung dieses Wissens in die Tat, das ist der Pfad des Mystikers.

Die große Besonderheit mystischen Erlebens ist das zunehmende Einswerden des Mystikers mit dem Ewigen, auch und gerade hinsichtlich des Zeitbegriffes, jener eigentlich unwirklichen Vorstellung, die er nach und nach ablegt. Trotz all der Einzigartigkeit seines Erlebens wendet sich ein Mensch auf dem mystischen Weg letztlich niemals vom Weltlichen ab. Im Gegenteil, wie hoch entwickelt er auch sein mag, er lebt und wirkt in der Welt, da er weiss, dass er nur im Leben seine Erfahrungen machen und umsetzen kann. Tief mystisches Erleben hinterlässt einen tiefen und nachhaltigen Eindruck in einem Menschen. Es verblasst auf der weltlichen Ebene zusehends. Doch es bleibt eine tiefe Sehnsucht nach einem dauerhaften Zustand, einer dauerhaften Verbindung, die stets als die geistige Heimat, als die langersehnte, unbewusste Rückkehr in bekannte und vertraute seelische Sphären erlebt wird.

Als Quelle der Erkenntnis sind mystische Erfahrungen ebenso real wie alle anderen Arten von Erfahrungen. Sie nur deshalb nicht ernst zu nehmen weil sie nicht auf der Wahrnehmung mittels unserer fünf Sinne beruht, wäre ein verhängnisvoller Fehler. Es ist eine stete Frage in der Mystik, wie zwischen wirklichen Erfahrungen kosmischen Ursprungs und vielleicht nur eingebildeten zu unterscheiden ist. Es bedarf großer Erfahrung und Urteilskraft, dies auseinander halten zu können.

Mystik trifft Wissenschaft. Auch die Mystik ist letztlich auf der immerwährenden Suche nach dem Wahren, Guten, Schönen.

Der letzten Endes nur scheinbare Konflikt zwischen Wissenschaft und Mystik beruht auf der Tatsache, dass die Naturwissenschaften und greifbare, sinnfällige Erfahrung beruht, während die Mystik diesen Bereich überschreitet. Beide jedoch suchen die Erfahrung als Ausgangspunkt ihrer Schlussfolgerungen; der Konflikt liegt in dem Missverständnis, Erfahrungstatsachen aus grundverschiedenen Ebenen mit den gleichen Maßstäben messen zu wollen. Es wird häufig vergessen, dass die Mystik danach strebt, uns eine besondere Art menschlicher Erfahrung zu ermöglichen; sie ist die Tür zum Unendlichen, die, einmal geöffnet, uns zur Freiheit und zum Einklang mit dem Kosmos verhilft.

Frei entnommen aus: Mystisches Erleben analysieren, Kleine RC-Schriftenreihe, Die Rosenkreuzer/AMORC