Mystik universalis

Spiritualität ist im Mainstream angekommen. Viele Menschen sind sich heute im Klaren, dass wir die Probleme, die in der Welt bestehen, nur aus einer übergeordneten Perspektive lösen können (Albert Einstein): Aus einer spirituellen Perspektive, welche die untrennbare Einheit alles Seins und Werdens verkörpert.

Mit den neuen technischen Möglichkeiten entstehen derzeit viele neue Ausrichtungen, lokale und globale ´Spirit-in-action´ Bewegungen, welche Spiritualität und alle möglichen Formen der Achtsamkeit als Lebensweise im Miteinander in den unterschiedlichsten Bereichen einer Gesellschaft ausprobiert und kultiviert.

Spiritualität im tiefsten Sinne versteht, dass die Welt der Formen eine Modifizierung der einen untrennbaren Wirklichkeit ist. Das Universum, die Galaxien und Sonnensysteme kommen und gehen. So auch unsere Erde. Sie ist unendlich kostbar und gleichzeitig leer. Dieses Verständnis von Spiritualität oszilliert im Nichts-Alles: Es ist eine dynamische Mitte, immer neu, jetzt, genau so. Dies ist der Kernpunkt und Basis einer universellen Spiritualität. In einem holographischem Welt- und Selbstverständnis sind wir Menschen ein Holon, das einerseits in sich selbstständig ist und zugleich Teil eines noch größeren, übergeordneten Holons ist: Der Menschheit. Als Menschen umfassen und transzendieren wir gleichzeitig untergeordnete Holen, wie etwa die Organe unseres menschlichen Körpers.

Die universelle Spiritualität umfasst und transzendiert zugleich alle spirituellen Traditionen. Sie ist mehr als alle Teile zusammen. Sie bildet ein neues Holon, ein neues Ganzes. Es ist naheliegend, dass auch die Spiritualität eine evolutive Entwicklung in sich trägt. Es geht darum, Religion als ´religio´, als rück verbindenden Aspekt einer universellen Spiritualität aufzuzeigen.

Spirituelle Traditionen sind oft innerhalb der heute noch bestehenden Religionen entstanden. Die großen Religionen dieser Welt wurzeln in menschlich-göttlicher Innenschau eines Menschen, wie zum Beispiel Buddha, Jesus oder Mohammed. Sie verkörpern heute in einem universellen spirituellen Verständnis eine Art Archetypus, den jeder Mensch in sich birgt. Erst später entstanden aus diesen ursprünglich zu den Wurzeln der Existenz und des Kosmos gehenden Einsichten, Belehrungen und Lebensweisen dieser großen Seelen die darauf aufbauenden Religionen, die exoterischer Natur sind. Exoterisch bedeutet hier, dass diese Religionen hauptsächlich davon ausgehen, dass der Mensch vom Göttlichen getrennt ist. Meistens wird ein Vermittler gebraucht, Priester, Gebete, Texte oder Rituale, die eine Brücke zwischen dem Göttlichen-Menschlichen zu schlagen vermögen.
Diese Religionen haben in der heutigen Welt noch immer eine Funktion. Sie helfen in begrenzter Weise vielen Menschen, in eine Herzensöffnung zu kommen. Sie lassen zeitweilig inneren und äußeren Frieden in der Gemeinschaft entstehen, z.B. über gemeinsames Singen und Beten. Sie setzen Leitplanken für ein gemeinschaftliches Miteinander. Die religiösen Führer hätten in der heutigen Zeit eine wichtige Aufgabe. Sie könnten die Mehrheit der Menschen aus der mythologischen Bewusstseinsstufe in eine rationale hineinführen, die schliesslich in eine integrale Bewusstseinsebene führt.

In einer evolutiven Betrachtungsweise steht bewusstseinsmäßig ein Wandel an. Global betrachtet, leben die Menschen in verschiedenen Bewusstseinsstufen. Jede Bewusstseinsstufe birgt in sich eine Selbst- und Weltsicht. Sie kann archaisch, magisch, mythisch, rational, pluralistisch und integral schwingen. Jede Bewusstseinsebene enthält alle vorausgegangenen und sehnt sich danach, in der nächst höheren Ebene aufzugehen. Der größte Anteil der heutigen Menschheit dürfte in der mystischen Bewusstseinsstufe verankert sein. Das dazu gehörige Gottesbild ist ein Getrenntes: Das Göttliche im Himmel oder als Nirvana gesehen, der Mensch auf Erden, getrennt davon, im Samsara steckend. Die rationale Bewusstseinsstufe ist in der Menschheit zunehmend in der westlichen Welt gewachsen, aber nicht durchgehend schwingend. Eine weitere Bewusstseinsebene ist die pluralistische, worin viele kreative Menschen (ca. 5 % der Weltbevölkerung) verwurzelt sind. Die Trennung ist hier nicht aufgehoben, hingehen wird die Verschiedenheit respektiert und toleriert.

Im integralen Bewusstsein, das jegliche Trennung überwunden hat, schwingen gesamthaft stabil nur sehr wenige Menschen weltweit. Sie leben meist einfach, unerkannt, still. Der nächste Schritt in der evolutiven Entwicklung wird über den Bewusstseinswandel der Menschen geschehen. Es ist ein großer Schritt von einem getreten Welt- und Selbstverständnis in das Eine ohne zwei. Die Notwendigkeit dieses neuen Narrativs wird von immer mehr Menschen wahrgenommen.

Eine Welt. Eine Menschheit. Ein Bewusstsein.
Grundlagen einer universellen Spiritualität.
angelehnt an Annette Kaiser