Lebenswelten • Ordnung

Ab dem Tag, an dem die Wissenschaft anfängt, nicht physische Phänomene zu untersuchen, wird sie in einem Jahrzehnt mehr Fortschritte erzielen als in allen vorangegangenen Jahrhunderten.
Nicolas Tesla

Der große deutsche Philosoph Jürgen Habermas beschreibt in seinem Werk den zentralen gesellschaftlichen Konflikt des 20. + 21. Jahrhunderts als einen Konflikt zwischen zwei Bereichen der Gesellschaft, die er Lebens + Systemwelt nennt.

  • Traditionelle Gesellschaften kannten diesen Konflikt noch nicht, denn ihre Lebenswelten waren noch nicht von dem getrennt, was wir heute als das gesellschaftliche System verstehen. Wirtschaft und Politik waren in den traditionellen Gesellschaften Ausdruck einer gemeinsam gelebten kulturellen Sphäre. In früheren Stammesgesellschaften waren Arbeit und Gemeinschaftsleben noch eins mit der gelebten Spiritualität der Stammesgesellschaften. In späteren Priesterkulturen prägten Priesterherrscher die gesellschaftlichen Normen. Die damalige Arbeits und Lebenswelt war tief durchdrungen von der spirituellen Welt der großen Religionen. Die Trennung zwischen System und Lebenswelt kam, so Habermas, mit der europäischen Reformation und Industrialisierung. In der Zeit der Reformation entkoppeln sich Geld und Machtstrukturen von den traditionellen Lebenswelten. Wirtschaft und Politik wurden zu einem unabhängigen System mit eigener Logik und Dynamik. Habermas  beschreibt, dass in der modernen Welt die Systemwelten in immer größerem Maße danach trachtet, die Lebenswelten zu kolonialisieren. Sie transformiert menschliche Beziehungen zu Warenbeziehungen oder abstrakt-bürokratischen Machtbeziehungen. Es geht nun darum, so Habermas, diesen Prozess der Kolonialisierung umzukehren. Sein politisches Projekt besteht darin, den Lebenswelten durch verständnisorientiertes Handeln wieder ein Übergewicht gegenüber der Eigenlogik von Markt und Bürokratie zu geben. Die Überwindung der weltweiten ökologischen Krise, aber auch die Zähmung der Marktlogik durch die Werte menschlicher Beziehungen, braucht eine stark verständnisorientierte Lebenswelt.
  • Auch eine globalisierte Welt, die nicht nur eine Globalisierung der Märkte ist, sondern eine Globalisierung unserer Beziehungen, braucht ein tiefes Verständnis lebendiger zwischenmenschlicher Beziehungen und einer lebendigen Beziehung zu dieser Erde.
  • Eine progressive Spiritualität kann uns dabei helfen, auf einer radikalen und existentiellen Weise zu verstehen, was der Unterschied zwischen Lebens + Systemwelt eigentlich ist. In einem Wald nicht nur Nutzholz zu sehen, sondern lebendige Bäume wahrzunehmen, ist ein spiritueller Akt. Unsere menschlichen Beziehungen nicht weiter zu käuflichen Warenbeziehungen verkommen zu lassen, ist ein spiritueller Akt. Zu sehen, wie die Systemwelt weite Bereiche unserer Seele kolonisiert hat, ist ein spiritueller Akt. Wir brauchen unsere menschliche Intuition und unser Herz, um den Wert des Lebens wieder zu sehen..

Auszug aus: Die Zukunft in uns –  Gesellschaft im Umbruch • evolve-Magazine für Bewusstsein und Kultur 07
Dr. Thomas Steininger, Philosoph, Journalist und Herausgeber des evolve-Magazins


Wenn man wissen möchte, was ein System tut, sollte man wissen, wie es tickt, d.h. wie es funktioniert. Statt dessen könnte man auch von Gestalt oder Ordnung sprechen.

  • Ordnungen wirken, ähnlich Naturgesetzen, jedoch nicht mit der gleichen Stringenz wie diese. Dennoch beeinflussen sie menschliches Fühlen, Denken und Verhalten. Man könnte auch von Energiefeldern sprechen, die den Menschen gewisse Rahmen und Orientierung geben.
  • Es gibt Formen, die selbst im Chaotischen noch eine Ordnung erkennen lassen, Redundanzen. Die Ordnung, die sich erkennen läßt, ist eine doppelte: eine generierende Ordnung, die die Erscheinungen und Erkenntnisse allererst hervorbringt, mit denen wir es zu tun haben. Und eine Ordnung dieser Erscheinungen und Erkenntnisse selbst, und zwar insofern, als sie unterscheidbar sind von dem, was nicht unterscheidbar ist. Die Pointe des Kalküls und seiner Interpretation besteht darin, dass sich die eine Ordnung als die andere erweist sobald man einsieht, dass Unterscheidungen Operationen sind, die eine Ordnung generieren, die sich von anderen Ordnungen mittels einer neuen Unterscheidung unterscheiden läßt.

Angelehnt an: ´Probleme der Form´
Dirk Baecker