Der blinde Fleck unserer Aufmerksamkeit

Je größer wir denken und handeln können, umso besser.
Karin M. Lück

Für Aristoteles war die Ökonomie zusammen mit der Ethik und der Politik ein integraler Bestandteil seiner praktischen Philosophie. In seiner ursprünglichen Bedeutung bezog sich die Führung des Hauses auf das ganze Haus und war noch nicht von der polis – Vereinigung und Gemeinschaft freier Bürger – getrennt. Bis zum 18. Jh. bezog sich auch der Begriff Ökonomie auf das Management des ganzen Hauses und nicht auf Aktivitäten, die das Geldverdienen zum Ziel hatten, was als Kommerz bezeichnet wurde.

Die heutige Wirtschaftswissenschaft hat sich auf eine Weise entwickelt, die die Ökonomie von der Polis trennte. Sie ist zu einem Sortiment von Thesen geworden, die sich ausschliesslich mit wirtschaftlichen Subsystem der Gesellschaft befassen. Sie setzt sich nicht mehr mit dem ganzen Haus auseinander, d.h. mit der Gesellschaft als Ganzes und ihrem sozial-ökologisch-kulturellen Kontext. Diese Elemente werden von den Wirtschaftswissenschaften vielmehr als Externalitäten bezeichnet.


Um die Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen, müssen wir unser Denken als Einzelne und als Gesellschaft verändern. Die not-wendigen, tief greifenden Veränderungen implizieren einen Paradigmenwechsel. V.a. in unserem ökonomischen Denken. Es braucht einen Bewusstseinswandel von Ego-Aufmerksamkeiten – die sich nur auf die eigene Ich-Haftigkeit und  Organisation  beschränkt – hin zu einem erweiterten Bewusstsein und gelebten Handeln sog. Ökosystem-Aufmerksamkeiten für umfassendere Systeme. Von einer egoischen Aufmerksamkeitsstruktur (Hauptsache ich), über eine ethnozentrische (meine Familie, mein Stamm, mein Clan, meine Firma) hin zu einer weltzentrischen Denke (mein Dorf, meine Stadt, meine Stakeholder, mein Land, Europa, die Welt). Am besten noch einen Schritt weiter hin zu einer kosmozentrischen Haltung, in der alle fühlenden Wesen auf diesem Planeten Berücksichtigung finden.

Ein wegverändernder Parameter ist hierbei die Wahrnehmung sog. sozialer Felder. Wie bei dem Eisberg-Modell liegen die meisten Phänomen-Anteile unter der Oberfläche und bedürfen einer erweiterten Art und Weise von ´Wahrnehmungsorganen´ für Atmosphären und Räume.

Trotz praktischer Relevanz sind Bewusstsein und Aufmerksamkeit noch keine üblichen Einflussfaktoren im Mainstream-Bezugsrahmen von Wirtschaft und Management. Sie sind ein sog. blinder Fleck unserer Aufmerksamkeit. Mit wenigen Ausnahmen hat die ökonomische Theorie Wettbewerbs- und Transaktionsmodelle entwickelt, die auf Annahmen bestehender Präferenzen basiert. Die Bedingungen, die einem System ermöglichen, von einem Funktionszustand in einen anderen zu wechseln – vom egoischen zum weltzentrischen Bewusstsein – werden jedoch so gut wie nicht erforscht resp. beachtet. Teilweise umgeben sie eine Tabuzone. Mainstream-Wirtschaftstheorie und traditionelle Management-Instrumente gehen von einem zweidimensionalen flachen Raum für Wirtschaftsaktivitäten aus, der sich nur auf einen einzigen Zustand des operativen Bewusstseins bezieht. Doch es gibt vielfältige Aufmerksamkeit- und Bewusstseinszustände. Und auch vielfältige Werteebenen.

Wenn diese unterschiedlichen Bewusstseinszustände in die ökonomische Theorie mit einbezogen würden und wenn politische Entscheidungsträger deren Wirkung auf die tatsächlichen, hervorgebrachten Ergebnisse berücksichtigten, würde eine neue Dimension von Innovation und kollektivem Handeln in Politik und Wirtschaft ermöglicht werden.

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